  
Darsteller: Karl-Heinz Ahlers (Hund),
Andrea Daubner (Frau),
Hartmut Fiegen (Mann)
Regie: Thomas Esser
Bühne: Marcel Weinand
Musik: Chris Weinheimer
Video: Simon Frisch.
Licht: Kirsten Rohloff.
Premiere: 23.08.2006, Hamburg
Dauer:
ca. 95 Min
Auszeichnungen: Preis der Niedersäschischen Lottostiftung 2007
Kurzbeschreibung:
"Der Mann war Single, die Frau war Single. Dann trafen sie sich – es war ein Blind Date. Danach sahen sie sich öfter. Meist kam er zu ihr. Er brachte ihr Blumen. Sie redeten und schauten auf die Straße. Irgendwann zogen sie in eine gemeinsame Wohnung. Sie nahmen mich mit. Sie kauften neue Möbel. Sie wurden ein Paar. Ich bin ihr Hund.“
In Sibylle Bergs Theaterstück erzählt ein Hund die Liebesgeschichte zwischen Mann und Frau aus seiner Perspektive. Herrchen und Frauchen durchleben die Kräfte zehrende Routine ihres Paaralltags: Liebe wird zu Besitzanspruch, Annäherung wird abgelöst von Misstrauen und Entfremdung. Eine Trennung kommt für sie trotzdem nicht in Frage.
Dem Hund kommt dies letztlich ganz natürlich vor: „Wir Hunde und die Menschen sind in vielerlei Hinsicht verwandt. Zum Beispiel gehen wir mit Katastrophen ähnlich um. Wir akzeptieren sie“.
Presse:
Hamburger Abendblatt“, 08/2006
"Warum haben sie nicht auf ihren Hund gehört? Frauchen und Herrchen "hätten einfach ihre Freude daran haben können, nicht mehr alleine aufzuwachen". Stattdessen spielen sie die bekannten, selbstzerstörerischen Spielchen von sexueller Frustration, vom verpflichtenden Wörtchen "Wir", von gemeinsamer Langweile und misslingenden Urlauben. Ihr Hund, der wohl Klügste in der Dreierbeziehung, kommentiert diese defizitäre Liebe kopfschüttelnd.
Dabei hätten sie es so nett haben können. Frau (Andrea Daubner) und Mann (Hartmut Fiegen) treffen sich an einem Sonntag, weil einen die Einsamkeit dann am schlimmsten bedrängt. Sie lesen auf ihrem Blind Date einen Hund (Karl-Heinz Ahlers) auf, der genau wie sie nur ein bisschen Zuneigung sucht. Kurz denkt man, das könnte doch klappen mit den beiden. Und auch der Hund blickt anfangs noch optimistisch auf die junge Beziehung. Doch spätestens beim Zusammenziehen beginnt der Horror des Beziehungsalltags zwischen Besitzansprüchen und Entfremdung.
In ihren Romanen durchleuchtet Sibylle Berg das kaputte Innenleben ihrer Figuren. Und Regisseur Thomas Esser vom Off-Theater-Ensemble "Plan B" hat im Lichthof eine Inszenierung auf die Beine gestellt, die an bösartigem Witz kaum zu überbieten ist. Selbst das unerwartete Happy End scheint eher groteske Lösung als fröhliches Ende zu sein. Aber auch das weiß der Hund treffend zu kommentieren: "Wir Hunde und die Menschen sind in vielerlei Hinsicht verwandt. Zum Beispiel gehen wir mit Katastrophen ähnlich um. Wir akzeptieren sie.""
„Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 09/2006
„So ein Hund, angeblich bester Freund des Menschen, sein triefäugig loyaler Gefährte, hat auch seine Toleranzgrenzen. Das Exemplar jedenfalls, das hier im hellen Anzug sehr abgeklärt samt Koffer über die Bühne spaziert, braucht die Menschen nur, um sich einen gewissen Lebensstil verwirklichen zu können.
Denn dieser Hund (Karl-Heinz-Ahlers) hat Geschmack: Sorgfältig breitet er seine Decke aus, stellt liebevoll das „Hier wache ich“-Schild auf, ergötzt sich an Tofu-Brötchen und Tchaikowskij-Symphonien – und während Frauchen frustriert in „Bonjour Tristesse“ blättert, lehnt er sich entspannt zurück, um sich einen von James Herriots „Der Doktor und das liebe Vieh“-Romanen zu Gemüte zu führen, der den anheimelnden Titel trägt: „Der Tierarzt kommt“.
Hier aber wird kein Tierarzt benötigt, sondern höchstens ein Psychologe mit dem Spezialgebiet Paartherapie. Das gut gekleidete Haustier jedenfalls ist wie sein literarischer Artgenosse in Kafkas „Forschungen eines Hundes“ ein durch und durch reflektierter Intellektueller (noch so ein altkluger, besserwisserischer Köter) und dementsprechend angewidert von den menschlichen Beziehungsritualen. Nachdem Herrchen (Hartmut Fiegen) und Frauchen (Andrea Daubner) ihn bei ihrem ersten Blind-Date aufgegabelt haben, lassen sie ihn fortan Zeuge werden von allen Stadien ihrer überdurchschnittlich durchschnittlichen Beziehungshölle.
Das „Theater Plan B“ hat jetzt mit Sibylle Bergs „hund frau mann“ im Hildesheimer Theaterhaus eine in ihrer wüsten Komik herausragende Premiere zu Stande gebracht. Frau Berg, verbriefte Kultautorin, ist bekanntlich gern sarkastisch und sieht sehr ungern Licht am Ende des Tunnels. Sogar für die „Allegra“ hat sie mal geschrieben, aber auch das hat sie überlebt und kann nun abrechnen.
Ihr Stück ist eine bittere, garstige Farce, eine in Essig eingelegte Boulevardkomödie, in der die Paarbeziehung mit Kerkerhaft gleichgesetzt wird, die man nur überleben kann, wenn man seiner eigenen Persönlichkeit den Laufpass gibt und sich gänzlich dem Kerkermeister aufopfert. „Gefühle“, sagt Frauchen, und der Hund ist erstaunt, „kann man nicht teilen – die werden weniger sonst.“
Vom ersten Treffen über den ersten Sex, von der ersten gemeinsamen Wohnung bis zum ersten Trennungsversuch – in Thomas Essers sezierend alberner Inszenierung werden alle abgenutzten Gesten, alle Phrasen gnadenlos entblößt und gleichzeitig auf eine andere Ebene gehoben. Sybille Berg mag’s provokant, lässt Gefühle vor der Tür, und verkennt damit, dass die wirklich komplexen Beziehungsprobleme erst da anfangen, wo die Menschen, die an ihren Alltagsbanalitäten und Lebenslügen leiden, sich tatsächlich mögen.
Das „Theater Plan B.“ aber macht die angewiderte Entlarvung des Hundes von Anfang an zu einem Spiel nicht mit den Klischees des wirklichen Lebens, sondern zur Abrechnung mit den Liebes-Tipps der Frauenzeitschriften, der Ildikó von Kürthys, der „Sex-and-the-City“-Verheißungen.
Andrea Daubner und Hartmut Fiegen, die hinreißend zwischen hemmungsloser Übertreibung und sanfter Einfühlung hin- und her pendeln, führen ihr herrlich unelegantes Liebesballett vor den romantischen Projektionen von Filmküssen und Musicalszenen auf. Dabei erwachsen aus der wilden, bisweilen verzweifelten Situationskomik markerschütternd witzige Einzelmomente: ein katastrophischer Kurztrip nach Paris etwa, oder ein scheiternder Versuch der Frau, mit einer ambitionierten Verkörperung von Olivia Newton-Johns „Let’s get physical!“ den Mann aus dem Gähnen heraus und ins Bett hinein zu bekommen.
Am Schluss sind alle Illusionen im Essig zersetzt. Ein bizarres Finale mit einem unangenehmen Hauch von Stephen King ist eingetreten, und eine ungemütliche Bedrückung macht sich breit.
Der Hund hat seinen Koffer längst gepackt. Während er aber immer nur angewidert gewesen ist, hat das Publikum sich amüsiert. Es hat eine Komödie durchlitten, deren zynischer und recht aufgesetzter Pessimismus nicht darüber hat hinwegtäuschen können, dass sie vor allem eins gewesen ist: sehr, sehr komisch.“
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